Diese watteweiche „Informations“-Veranstaltung am 24.07.2013 …

… war ja nun doch ein bizarres Ereignis. Auf dem Podium saßen die üblichen Herrschaften aus Verwaltung und Planung, im Saal sammelten sich trotz Sommerhitze und Ferien an die hundert großenteils empörte Bürger. Die Repräsentanten der Obrigkeit haben wohl inzwischen selbst eingesehen, dass ihr Kulturvandalismus von ihren Untertanen nicht gebilligt wird. Aber was soll man machen: 4,2 Millionen € Fördergeld wiegen mehr als die Stimme der Vernunft – vulgo die Bürgermeinung. Also waren am besagten Mittwoch nicht nur wie üblich die Ohren auf Durchzug gestellt, diesmal wurde von den öffentlichrechtlich bestallten Ikonoklasten demonstrativ eine lächelnde Freundlichkeit aufgesetzt:
„Redet ihr nur, aber die Millionen locken zu sehr …“

Mit gut gespielter Jovialität wurde gleich zu Beginn des Abends das Entrollen eines Transparents vor dem Podium hingenommen, und aufgeregte Wortmeldungen aus dem Publikum wurden im Verlauf des Abends gleichsam in Wattebäuschen erstickt: „Ich verstehe, dass Sie das wirklich ernst meinen, aber darüber können wir uns ja mal bei einem Glas Rotwein unterhalten.“ (Katerbau)

Einmal indessen wurde das Prinzip der allumfassenden Freundlichkeit unterbrochen: Als nämlich eine Bürgerin in ihrer Wortmeldung den inzwischen zum geflügelten Wort avancierten Begriff „Latzhaufen“ für die geplanten Betonmonumente im Park benutzte, da gab es für den Chef des von der Verwaltung engagierten Koordinierungsbüros kein Halten mehr: „Ich muß Sie darauf hinweisen, dass wir hier einander mit Respekt [sic!] behandeln sollten. Dieser Ausdruck ist eine Frechheit“ – So ereiferte sich Herr Preuss.

Was soll denn so respektlos sein an Volkes Stimme? Schauen wir uns die hier verwendete Begrifflichkeit doch einmal genauer an:

  • „Betonmonumente
    Dieser Begriff beschreibt den Sachverhalt treffend:
    Im Park werden viele auf ein Fundament gegründete Bauwerke aus Stahlbeton errichtet. Diese können bis zu 30 m² groß sein.
    Von Schönheit kann hier weniger gesprochen werden, wenn man bedenkt, dass sie in den Grünanlagen bestehendes Grün dauerhaft verdrängen werden. Ein praktischer Nutzen ist kaum zu erkennen, außer dass sie enorme Baukosten generieren – ein geldwerter Vorteil für alle an Planung und Bau beteiligten.
  • „Sitzkiesel
    In seiner euphemistischen Intention ist dieser Ausdruck der Planer eher verwirrend. Ein Kiesel ist ein Stein mit gerundeten Kanten und einer Korngröße von 20 – 63 mm.
    Wer vermöchte es wohl, auf solchen Steinchen zu sitzen? Hier handelt es sich offensichtlich um ein sogenanntes Hehlwort, welches den monumentalen Charakter der Bauten verniedlichen soll und den Blick von ihrem parkzerstörenden Potential ablenken soll.
  • „Latzhaufen“
    Diese Beschreibung aus dem Volksmund stellt einerseits den Euphemismus des „offiziösen“ Ausdrucks in Frage und beleuchtet auch noch einen weiteren Aspekt dieser Wahngebilde:
    Der junge Herr Latz sieht in diesen Objekten die Möglichkeit der Verwirklichung einer persönlichen „Signatur“ seines Parkkunstwerks. Nach Art der Canidae hinterläßt er an vielen Ecken des Parks seine Marken (- allerdings viel größer), die – welch prächtige Überlegenheit des Homo Sapiens – nicht nach wenigen Tagen oder Wochen wie ihre Vorbilder vergehen, sondern quasi für die Ewigkeit gebaut sind.
    Diese Formulierung ist allerdings wegen ihrer ebenfalls verniedlichenden Tendenz weniger brauchbar.

Fazit: Sowohl „Sitzkiesel“ als auch „Latzhaufen“ scheinen als Beschreibungen für die „Betonmonumente“ nicht geeignet zu sein, wir sollten uns alle einer klareren Ausdrucksweise befleißigen.

Uneinigkeit bestand indessen auf dem Podium. Der Bauherr erklärte, der am Abend vorgestellte Plan sei längst noch nicht die endgültige Fassung, schließlich seien noch Anregungen des Denkmalschützers etc. zu bedenken. Da musste er sich allerdings von anderen Podianten eines besseren belehren lassen: dies sei jetzt aber doch die letzte endgültige Fassung. Die BürgerInnen mögen das verwirrt zur Kenntnis nehmen, aber was soll’s: wozu soll man die Leute auch korrekt informieren – eine Bürgerbeteiligung ist ja sowieso nicht vorgesehen!

Die Veranstaltung hätte, wäre da nicht der ernste Hintergrund einer demokratischen Bankrotterklärung, eine heitere Aufführung im Stile des Komödienstadels sein können. Außenstehende wären vielleicht köstlich amüsiert gewesen. Aber die autoritäre Geste, mit der hier Bürgerbeteiligung ad absurdum geführt wird, wie Fragen des Denkmal-, Natur- und Klimaschutzes ignoriert werden, wird jedem verständigen Menschen das Lachen im Halse ersticken.

Die Inszenierung des Abends hatte unübersehbare Schwächen: Die Befindlichkeiten der Angestellten im öffentlichen Dienst und die dort streng eingehaltenen hierarchischen Strukturen (- „Nach oben buckeln, nach unten treten!“ -) haben den Akteurs auf der Bühne/dem Podium den Blick auf die Realität wohl gründlich verstellt: das „wir-da-oben – ihr-da-unten – Denken“ hat in einer demokratisch verfassten Gemeinschaft eigentlich keinen Platz. Solche Erkenntnis wird aber nicht nach BAT bezahlt, und Geld ist ja heutzutage das einzige, was noch zählt – oder? Unten im Publikum jedenfalls machte sich eine gewisse Beklemmung breit:

„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“
[Bertold Brecht]
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